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Neues WDR-Format mit Patrick Lynen

Medienseite der Süddeutschen Zeitung, (Copyright 2015), 13.07.2015 

 

Neues WDR-Format - Volkserzählung 

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Von Hans Hoff 

 

Mir geht es soweit gut." Suse lächelt, als sie das sagt. Ihr geht es soweit gut, trotz der Diagnosen in ihrer Krankenakte, Multiple Sklerose, Epilepsie und Arthrose, obwohl sie oft in den Rollstuhl muss, obwohl die Ärzte sagen, dass es ihr angesichts ihres Krankheitsbildes eigentlich schlecht gehen müsste. Momentan geht es ihr aber nicht schlecht. Sie steht vor einem Mikrofon in einem Kölner Studio, angelehnt an einen Barhocker, auf einem zwei mal zwei Meter großen Podest. Vor ihr hocken 40 Menschen auf Sitzwürfeln und hören zu. Sie hören Suses Geschichte. Die handelt von ihren Diagnosen, aber viel mehr von ihrem Arbeitseifer, von ihrer Familie, von ihrem Pferd. Zwölf Minuten lang herrscht Stille. Man könnte die berühmte Stecknadel fallen hören, wäre da nicht Suses gut gelaunte Stimme. Sie lächelt, sie erzählt ihre Geschichte im neuen WDR-Fernseh-Format Die runde Ecke. 

 

Wovon die Geschichte handelt, ist letztlich wurscht. Hauptsache, sie ist wahr und wird frei vorgetragen 

 

Mit der Runden Ecke wagt der Sender wieder was. Wo lange der Fokus auf Service- und Wohlfühlformaten lag, gibt es nun so etwas wie ein Experiment. Das Konzept der neuen Sendung ist denkbar simpel. Menschen stellen sich hin und erzählen aus ihrem Leben. Einfach so. Kein Klimbim drumherum - ein Mensch, eine Bühne, ein Mikrofon. Wovon die Geschichte handelt, ist letztlich wurscht. Hauptsache, sie ist wahr und sie wird frei vorgetragen. Jeweils drei Geschichten ergeben eine der fünf Sendungen, die der WDR Ende August ausstrahlen will. 

 

Moderator der Sendung ist Patrick Lynen. Der war früher Radiomoderator, kümmert sich aber seit einiger Zeit als Buchautor um die Frage, wie man sich das Leben leichter machen kann. Die Runde Ecke hat Lynen ersonnen, als er auf einer Amerikareise in eine Bar geriet, wo sich ganz normale Menschen auf der Bühne präsentierten. Er erlebte, wie faszinierend Menschen von sich selbst erzählen können und wie fasziniert ein Publikum das aufnimmt. Er hat dort gespürt, was der Kölner Sender nun für sich nutzbar machen möchte: eine Sehnsucht der Menschen nach Authentizität, nach echten Geschichten und Gefühlen, die Reality-Dokus und "Scripted Reality" schon gar nicht befriedigen können. Ein so pures Format wie die Runde Ecke steht für mediale Abrüstung. 

 

Schnell stand Lynens Entschluss, diese Storyteller genannten Veranstaltungen nach Deutschland zu bringen. Mit vier Freunden und Gleichgesinnten gründete er die "Runde Ecke". Man organisierte Klubabende in Köln, Berlin und Koblenz, man fand Menschen mit interessanten Geschichten. 

 

Zum Beispiel Wolfgang, einen Kulturmenschen aus Siegen, der irgendwann auf Anregung seiner Tochter den Kontakt zu Paul McCartney fand und dem ewigen Beatle vorschlug, eine Ausstellung mit dessen Malerei zu organisieren. Der willigte ein, die Ausstellung wurde ein großer Erfolg. Getrübt wurde der durch den plötzlichen Tod von Wolfgangs Tochter. Ihr hatte McCartney kurz zuvor noch eine Widmung in den Ausstellungskatalog geschrieben. 

 

Viele Einladungen von Fernsehsendungen hatte Wolfgang bereits. Alle wollten seine Geschichte, in der Glück und Tragik so eng beieinanderliegen, aber er hat meist abgesagt, weil er fürchtete, dass sein Schicksal auch ausgebeutet werden könnte. Bei der Runden Ecke hat er zugesagt, weil er den Machern vertraut und sicher sein konnte, die ganze Geschichte erzählen zu können, ungeschnitten. 

 

"Die Leute, die erzählen, merken, dass sich niemand an ihnen bereichert", sagt Lynen und begreift den sensiblen Umgang mit den Protagonisten als das A und O des Konzepts. "Wenn ich das Vertrauen missbrauche, kollabiert das ganze Ding." 

 

Passt die Erzählerei nicht besser ins Radio? "Der Körper ist Sprache", erwidert der Macher 

 

Das Konzept sieht vor, dass jeder seine Geschichte auch noch nach der Aufzeichnung zurückziehen kann, wenn ihm unwohl mit der medialen Präsenz wird. Das ist ein Teil des Risikos, auf das sich die Macher der Runden Ecke einlassen. 

 

Der andere Teil des Risikos ist die Reaktion des Publikums. Die Frage, ob man Zuschauern wohl einen zehn Minuten oder länger erzählenden Menschen ohne jeden Schnickschnack zumuten kann, wäre wohl noch vor zwei Jahren im WDR mit einem klaren Nein beantwortet worden. Heute geht da was. Da wird sogar die Ecke rund. 

 

"Man muss sich darauf verlassen, dass Zuschauer auch eine lange Szene aushalten, wenn die Geschichte dahinter interessant genug ist", sagt Philipp Bitterling. Er ist Programmentwickler in der Anstalt und finanziert die Runde Ecke aus seinem Etat. Allerdings bekommt er Rückendeckung von Intendant Tom Buhrow, denn auch der hat einen Betrag aus seinem Verjüngungstopf beigesteuert. 

 

Natürlich evoziert solch ein auf die Basis menschlicher Kommunikation reduziertes Konzept - wie es auch der WDR-Radiotalk Domian in nicht ganz unähnlicher Form seit 20 Jahren praktiziert - auch die Frage, ob die Erzählerei nicht im Hörfunk besser aufgehoben wäre. "Der Körper ist Sprache", hält Lynen dem entgegen. "Ich sehe, wie sich jemand offenbart", sagt er. Lynen weiß, dass die Ehrlichkeit seiner Protagonisten ein hohes Gut ist, das es zu bewahren gilt. Man muss die Erzähler möglicherweise auch beschützen vor anderen Fernsehformaten, die hinterher kommen, um die Schicksale medial auszuweiden. 

 

Es sind sehr berührende Geschichten, die an diesem Dienstag im Juli im Kölner WDR-Studio aufgezeichnet werden. Nicht alle haben die Tiefe der Berichte von Wolfgang und Suse, nicht alle lassen die Augen der Zuhörer feucht werden, aber alle wärmen das Herz und provozieren unmittelbar die Phantasie des Zuschauers mit der Frage, welche Geschichte er wohl von sich selbst zu erzählen hätte. 

 

Als Einleitung singt die Liedermacherin Dania König "Kino hinter der Stirn". Das ist als Aufforderung zu verstehen. Lynen und seine Mannschaft wollen schließlich mehr. Sie wollen die Storyteller-Kultur in Deutschland etablieren, sich aber klar abgrenzen von Stand-up-Comedians und Poetry-Slammern. Sie wollen nicht nur ins Fernsehen, sie wollen in die Klubs um die Ecke. Sie wissen: Jeder hat eine Geschichte, die besten wollen sie zu Gehör bringen. 

 

Autor des Artikels: Hans Hoff 

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Hans Hoff, Jahrgang 1955, ist freischaffender Journalist im Rheinischen, war zehn Jahre lang Medienredakteur der Rheinischen Post und bestreitet derzeit seinen Lebensunterhalt durch Beiträge für die Süddeutsche Zeitung, die Welt am Sonntag NRW und das Fachmagazin Journalist. Zudem betreut er seit über 20 Jahren den Musikteil des Düsseldorfer Stadtmagazins Biograph. In einem früheren Leben hat er als diplomierter Sozialpädagoge beim Jugendamt Düsseldorf gearbeitet und ist in dieser Zeit durch erste Beiträge für den Magazin-Klassiker Sounds in den Journalismus abgerutscht. 

 

http://www.dwdl.de/nachrichten/51731/die_runde_ecke_der_wdr_setzt_auf_echte_menschen/

 

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